nonoise erarbeitet in regelmässigen Abständen Performances, Klang- und Rauminstallationen,

Die Musik, die wir anstreben, ist nicht an bekannte Musikrichtungen angelehnt, sondern  erschliesst neue Ausdrucksbereiche, die sich ganz aus der Stille, dem Horchen, und aus grundlegenden klanglichen Äusserungen heraus entwickeln.
 
Der Raum, in dem wir spielen, seine Atmosphäre und Geschichte, und die Menschen, die mitwirken, werden essentieller Bestandteil des entstehenden Kunstwerks.
 
Aus genauem Hinhören und bewusster Raumpräsenz der Beteiligten ersteht ein feines Gespinst klanglicher Gedanken, die sich im Laufe der Aufführung verdichten und zusammenschliessen.


  • Hintergrund


 Der Komponist Jochen Neurath hatte nach Arbeiten für renommierte Häuser, wie dem Gewandhaus zu Leipzig (Goldberg-Variationen für Orchester, Auftrag von Riccardo Chailly) oder der Hamburgischen Staatsoper (Aufführungsfassung des III. Aktes der "Lulu" von Alban Berg) in Performances wie „Matter of Sound“ (Julie Mehretu-Studio, Berlin 2009) und „Exposition“ (Deutsche Guggenheim, 2010) abseits festgeschriebener Partituren sowohl die Eigenheiten spezieller Räume und Anlässe, als auch die Mitwirkung von nicht-professionellen Musikern zur Grundlage eines offenen kompositorischen Prozesses gemacht.

 In der Folge hatte er mehrere Werke entwickelt, in denen verschiedene Verhältnisse von klassischer Musik-Notation zu freieren Passagen erprobt wurden (z.B. „Gefrorene Träume“, 2014, für zwei Chöre, und „Stimmen der Nacht“, 2017, für Chor und Ensemble).

 nonoise ist nun ein längerfristig gedachtes Projekt, in dem die Balance von geplanten Abläufen zu unplanbaren Fein-Schattierungen in jeder konkreten Aufführungssituation neu ausgelotet wird.

 Im Mittelpunkt stehen dabei die aufführenden Menschen, deren je eigenes Empfinden und Ausführen der gleichen Vorgaben leichte Abweichungen zur Folge hat, so dass aus leisen, einfachsten, vom Publikum zunächst leicht nachvollziehbaren musikalischen Mitteln ein subtiles, im Detail unvorhersehbares Gespinst entseht.

 Durch die Transparenz dieser klanglichen Mittel werden auch Wahrnehmungen, die sonst nur am Rande der musikalischen Aufmerksamkeit stehen, zu wesentlichen Bestandteilen der Aufführung: Der Ort des Klanges, die Beschaffenheit des Raumes, Bewegungen der Mitwirkenden im Raum - und die Stille, die so zum Augangspunkt imaginärer Musik werden kann.


  • Chronik


Vorgängerprojekte:

Matter of Sound, Julie-Mehretu-Studio Berlin, 2009
Exposition, Deutsche Guggenheim Berlin, 2009
Gefrorene Träume, Kilianskirche Heilbronn, 2014
Stimmen der Nacht, Zürich und Heilbronn, 2017
In den Gärten, Bundesgartenschau Heilbronn und Hamburg, 2019

Pilotprojekt:

Zeichen. Deutungslos, mit Haydns "Sieben letzten Worten", Bamberg, 2019 (Programm)

nonoise:

echoes of unborn thoughts, Bamberg, Johanniskapelle, 2020 (Programm)
Elegie. Oder Ode. (An Friedrich H.), Bamberg, Altes E-Werk, 2020 (Programm)
inferNO!, Bamberg, Otto-Kirche, 2021 (Programm)

Satelliten:

usw., Bamberg, Kleberbudn, 2020 (Programm)
weiszt du, Bamberg, Marschalk v. Ostheim'sches Haus, 2021 (Programm)
Quartett, von Heiner Müller. Bamberg, Johanniskapelle, 2022 (Programm)

  • Ahnengalerie


Musik:
Joseph Haydn, Eric Satie, Anton Webern, John Cage, Giacinto Scelsi, Luigi Nono

Theater:
Christoph Marthaler, Frank Düwel


Literatur:
Christoph Martin Wieland, Samuel Beckett, Friederike Mayröcker

Bildende Kunst:
Piet Mondrian, Semir Alschausky


  • Essay


Hier soll versucht werden, die ästhetischen Grundlagen des Projekts nonoise ganz von den musikalischen Voraussetzungen her zu beleuchten, also ohne den ebenfalls sehr wichtigen Aspekt der Sozialen Skulptur.


In frühen Kompositionen stand für mich mehr die Struktur der musikalischen Vorgänge als die konkrete Klanglichkeit im Vordergrund. Aus der Beobachtung heraus, dass sich bei sehr leisen Klängen kaum noch erkennen lässt, wie sie hervorgebracht werden, und auch nicht die Richtung, aus der sie kommen, habe ich oft die Wahl des ausführenden Instrumentes offengelassen und gleichzeitig die Dynamik ins äusserste Pianissimo verlegt. Häufige und lange Pausen zwischen den kaum hörbaren Tönen lösten beim Hörer die Frage aus, ob gerade überhaupt etwas erklingt.


Gleichzeitig stellte sich der Effekt ein, dass die Aufmerksamkeit des Zuhörers so wenig in konkrete oder gewohnte Bahnen gelenkt wurde, dass die spärlichen Anhaltspunkte, die die Aufführung lieferte, Raum liessen, das Wahrgenommene imaginativ weiterzuspinnen. Gleichzeitig verstärkte sich das Bestreben, das scheinbar unvollständige Bild der Töne durch visuelle Beobachtung der Umgebung, des Raumes, der ausführenden Musiker und ihrer Interaktion zu ergänzen. Auch ungeplante Nebengeräusche wurden als Teil der künstlerischen Botschaft gelesen.


Reduktion der tatsächlich eingesetzten Mittel bei gleichzeitig angestrebter Dichte des (zumindest imaginativ) Erlebten war dann die Leitlinie, an der sich die weitere Entwicklung orientierte. Da bei der Arbeit mit wenigen Elementen die Spannung in deren Verhältnis zueinander zentral wird, ist die Herkunft dieser Elemente aus verschiedenen stilistischen Ebenen, also eine pluralistische Ästhetik, immer wichtiger geworden. Auch Zitate und Anspielungen an Musik verschiedenster Epochen sowie Einsatz von gesprochenen Textfragmenten dienten dem Ziel, die Imagination des Publikums über das konkret Gehörte hinaus zu lenken.


Dass sich professionelle Musiker mit dieser Tonsprache gelegentlich unterfordert fühlten, da sie ihre Beherrschung des Instruments nicht genügend zur Geltung bringen konnten, und sich daraus die Idee ergab, in bestimmten Zusammenhängen mit nicht-ausgebildeten Mitwirkenden zu arbeiten, sei hier am Rande erwähnt.


Die skizzierte Entwicklung ist ein wesentlicher Teil der Ästhetik, die das Projekt nonoise ausmacht. Ein anderer Teil ist es, der herkömmlichen Praxis, notierte musikalische Verläufe durch die Interpreten möglichst korrekt ausführen zu lassen, durch allgemeinere Anweisungen, die zwar für alle gelten, aber von jedem Mitwirkenden individuell erfüllt werden, eine bewusste Unschärfe entgegenzusetzen. Dem Verlust an musikalischer Genauigkeit steht wiederum ein Mehr an Imaginationsspielraum gegenüber, das durch die unplanbaren Interferenzen der Ausführung im Ensemble ermöglicht wird. An dieser Stelle knüpft dann die Arbeit an der Sozialen Skulptur an, die nonoise wesentlich prägt, und dieses Projekt von meinen anderen Kompositionen fundamental unterscheidet.


Jochen Neurath, Bamberg, 1. 1. 2021